Mittwoch, 6. September 2017

Das Gefangenen-Ankunftslager in St. Laurent du Maroni

1850 kam Napoleon III. auf die Idee, Frankreichs Kosten für seine vielen Gefangenen zu senken und gleichzeitig die Kolonisation in Guyana voran zu treiben, indem die Gefangenen dort ihren Arbeitsdienst leisten müssten. 1852 wurden die ersten Gefangenen hier in diesem Camp empfangen, von hier wurden sie auf die 50 Lager innerhalb Franzuösisch-Guyanas verteilt oder in die auf den Iles des Saluts geschickt. Dieses Eingangstor bedeutete für nahezu alle, die hierher deportiert wurden, den Anfang ihres Lebensendes. Bevor wir das Camp besichtigten, haben wir uns den Film "Papillon" angesehen, der auf der Grundlage des gleichnamigen autobiographischen Romansvon Henri Charrière gedreht wurde. Henri Charrière war wegen Mordes verurteilt und hierher deportier worden, unschuldig, wie er sein Leben lang beteuerte. Ihm gelang mehrfach die Flucht, abgesehen vom letzten Versuch immer ohne Erfolg. Die Eindrücke aus diesem Film hallen nach und wir gingen mit beklemmten Gefühlen durch dieses Tor
Unser Guide Ronnie, der relativ gut Englisch spricht, eine Seltenheit und Erholung für uns, allerdings ist der hiesige Dialekt der meist farbigen Bevölkerung dann doch wieder speziell, was es uns dann doch etwas schwierig machte, alles zu verstehen. Von ihm erfahren wir, dass viele der hier inhaftierten Menschen unschuldig waren, wie z.B. Alfred Dreyfus oder Guillaume Seznec, beide politische Gefangene, deren fälschliche Verurteilung zu innenpolitischen Unruhen in Frankreich führten. Auch über Dreyfus und Seznec gibt es Filme, letzterer, u.a. hier gedreht, soll das Leben im Lager realistischer darstellen als der Hollywood-Film "Papillon" - der trotzdem sehr sehenswert ist!
Es gab hier verschiedene Gruppen von Inhaftierten. Da waren zum einen die Relegues, Verbannte, die keine rechte Straftat begangen hatten, die aber in Frankreich unerwünscht waren, zum anderen die Liberes, die ihre Strafe schon abgearbeitet hatten, die aber trotzdem noch hier leben mussten. Wie alle anderen Gefangenen waren auch diese der Gerichtsbarkeit innerhalb des Gefängnisses unterstellt, d.h., dass eine Straftat während der Gefangenschaft hier erneut geahndet wurde. Die Strafen waren unmenschlich
Der Eingang zum Gefängnis-Gerichtshof
Die Zellen sahen für alle gleich aus: ein kleiner gemauerter Raum mit einer Bettstatt aus Holz, mit zwei vergitterten kleinen Fenstern im oberen Bereich und zwei Eimern, einem für Frischwasser zum Trinken, der andere für die Notdurft. Wurde man bestraft, wurde man auf dem Bett fixiert, wurden die Fenster verdunkelt, 3 Tage, 1 Woche und mehr
Heute haben sich die Fledermäuse in diesen bedrückenden Räumen angesiedelt
Dieses Gebäude beherbergte die Büros für die Aufseher (rechts), die Küche (Mitte) und die Kapelle für die Gefangenen (links)
Eine Gruppenzelle für bis zu 40 Personen - allerdings waren meistens doppelt so viele hier untergebracht, auf Betonbetten, mit Betonkopfteilen, eng an eng, die Fenster wurden des Nachts geschlossen, es gab einen Abtritt mit einem Eimer, der 2 Tage vorhalten musste. Bei Bestrafung wurde ein Häftling mit Eisenfesseln an den Eisenstangen am Fußende festgekettet, einen Tag, zwei Tage ...
Einzelzellen-Trakt, für die schlimmsten Verbrecher wie z.B. Mörder
Ronnie demonstriert mit einem Freiwilligen aus unserer Gruppe, wie die verschiedenen Stufen der Bestrafung aussehen konnten: ein Fuß unter der Stange angekettet oder beide, ein Fuß über der Stange angekettet oder beide. Die Fußfessel aus massivem Eisen wiegt 2 kg, es brauchte nur eine Minute, bis sich auf dem Bein des Freiwilligen ein Abdruck bildete, d.h. der Fuß starb eventuell ab und musste dann auch mal amputiert werden. Es war auch mehr als schwierig für die angeketteten Gefangenen, an ihre Eimer zu kommen, die jeweils unter dem Kopf- und dem Fußende des Bettes standen. Ihr könnt Euch sicher denken, was das bedeutete ...
ADIEU MAMA - diese Inschrift sagt alles: Wer in einer dieser Zellen sitzt, kommt nicht mehr lebend heraus
Im Trakt für die Schwerverbrecher finden wir Zelle Nr. 47, in der Papillon inhaftiert war
Hier hat er seinen Namen eingekratzt, Papillon, was natürlich eine Straftat war. - Henri Charrière hat in seinem Buch allerdings nicht nur seine eigenen Erfahrungen beschrieben, sondern auch die anderer Gefangener. Er selbst war z.B. nie auf der Teufelsinsel und ist also auch nicht von dort endgültig geflohen. Dies gelang ihm von Cayenne aus. Der Film "Papillon", der nicht an Originalschauplätzen gedreht wurde, hat die Ereignisse des Buches dann nochmals etwas ... verfremdet dargestellt. Allerdings bekommt man schon einen guten Eindruck davon, wie brutal und unmenschlich es in diesen Lagern zuging, und glücklicherweise wurden sie Ende der 1930er Jahre auch endgültig geschlossen. Das Ziel, die Kolonisation voran zu treiben, haben sie nie erreicht, denn die wenigen Gefangenen, die ihre Zeit in den Lagern überlebten, wurden von der Bevölkerung nie als vollwertige Bürger anerkannt und blieben Ausgestoßene